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Ein klassischer Klezmer auf dem Karavan - 7.4.03
Jacobowitz am Marimbafon
Marimbaphonspieler Alex Jacobowitz und seine
seltsame Karriere
Der Tagesspiel (Berlin, Germany)
- Jongleur der Schlegel Alex Jacobowitz mit Marimba im Centrum Judaicum
Quote from Henryk Broder
Ein Klezmer in München
Der New Yorker Alex Jakobowitz über sein Leben als Strassenmusikant
Ortsgespräche Alex Jacobowitz Marimba-Virtuose
und Strassenkünstler
Süddeutsche Zeitung 24. Juni 1993
Tschaik four ist nicht das Leben Marimbaphonspieler
Alex Jacobowitz und seine seltsame Karriere
PLAUDEREI MIT ZAPFEN, SCHLEGEL, FERNWEH
Alex Jacobowitz spielt heute in der Handelsbörse
Virtuose mit der Botschaft von Toleranz - 21.12.01
7 April 2003
Ein klassischer Klezmer auf dem Karavan
Mittelbayerischer Zeitung
Der Marimba-Virtuose Alex Jacobowitz tauschte den
Konzertsaal mit den Straßen Europas
Von Helmut Wanner, MZ
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REGENSBURG. "Hier ist ein guter Platz", sagt Alex Jacobowitz.
Dass hier einmal die mittlealterliche Synagoge stand und dereinst
die Begegnungstätte Karavans stehen wird, hat man ihm erst
nachträglich gesagt. Seine Intuition hat ihn hergeführt.
Ein Tisch mit eigenen CDs, einem autobiographischen Buch ("Ein
klassicher Klezmer: Reisegeschichten eines jüdischen Musikers"),
ein Notenständer mit dutzenden Rezensionen der Weltpresse und
gleich eine Bodenvase für das Geld - dass hier kein normaler
Straßenmusikant seinen Hut rumgehen lässt, merken selbst
die "Ausscheider", die an diesem Donnerstag Mittag angesäuselt
über den Neupfarrplatz ziehen. Sie verstummen, begaffen in
einer seltenen Mischung von Rausch, Glück und Staunen auf ihren
Gesichtern die Szene am Brunnen und ziehen weiter, erstaunlich leise
und gerade so, als hätten sie eben die Wirtshaus mit der Kirchentür
verwechselt.
Ein in New York geborener und in Israel lebender orthodoxer Jude
mit Schläfchenlocken, Bart, Kippa und Turnschuhen spielt die
Mondscheinsonate von Beethoven - so unorthodox auf dem Marimbaphon.
So virtuos haben wir uns in Regensburg einen radikalen jüdischen
Westbank-Siedler nicht vorgestellt. Das ist er zweifelsohne. Mit
24 Jahren ist der in New York ausgebildete Orchester-Perkussionist
zu einem Kibbuz-Aufenthalt nach Jerusalem gekommen. Da hat es ihn
gepackt. Er blieb, wurde orthodoxer Jude, heiratete und siedelte
in der Westbank, ganz nahe bei Hebron, beim Grab der Erzväter
Abraham, Isaak und Jakob.
Der ehemalige Perkussionist des Jerusalem Sinfonieorchesters hat
auf den 52 Hölzern des afrikanischen Instruments mit vier Schlägeln
Bach und Beethoven quasi neu erfunden. Der "Paganini des Marimbas",
so die deutsche Edelfeder Henryk Broder über den musischen
Sohn Abrahams, hat für ein paar sonnige Märztage den Konzertsaal
vor das Eis-Café Gellini gebracht, die Wand zwischen Volk
und Kunst zum Einstürzen gebracht, ganz sanft und mit dem süßen
Charme eines Wiener Juden. "Darf ich mich vorstellen. Ich bin
Alex Jacobowitz aus New York und das ist meine Frau, das Marimbaphone",
sagt er. Und so behandelt er es auch, das hüfthohe Instrument
auf rollen. Hat man je einen Menschen mit mehr Liebe und Hingabe
musizieren sehen? Der Mann, dessen Onkel in Dachau war, will durch
sein Spiel zeigen, dass das Judentum überlebt hat, aber vor
allem den Ewigen loben.
"Ich versuche, eine integrierte Persönlichkeit zu sein",
sagt er der MZ. "Ich will die Einheit leben von Glauben und
Tun." Konsequenterweise lebt er ohne Sicherheiten. "Sicherheit",
so sagt er, "gibt es nur in Gott." Der sorgt für
ihn, auch durch die Gabe des Charmes und Humors. "Mozart starb
in Armut, ersparen Sie mir dieses Schicksal."
Die Passanten kaufen seine CDs wie Eiskugeln. Wer lacht, gibt mit
Freude. Der klassische Klezmer liebt Deutschland. "Hier ist
das kultivierteste Publikum", verriet er der Jerusalem Post.
Kunststück: Der Marimba-Mann verdient in seinen kurzen Hosen
besser als jeder Anzugträger. Dabei lebt er bescheiden. Er
kocht und betet in seinem Campingwagen, schläft auf Parkplätzen.
Im Winter ist er bei seiner Groß-Familie in Israel: Frau,
vier Knaben und drei Mädchen zwischen 8 und 17 Jahren. Nur
ein Jahr lang war er Kollektivmusiker, dann hatte er es Leid. "Ich
wollte nicht sitzen und 45 Minuten auf einen einzigen Triangeleinsatz
warten", sagt er der MZ. Dem Solisten gehört die Straßen-Bühne
allein. Er ist Orchester, Dirigent, Konferenzier und Kassier in
einer Person. So hat der polyglotte Mann 20 Jahre Straßenmusik
auf dem Buckel. Er hat von Oslo bis Venedig gespielt (das Marimba
durfte dabei Gondel fahren). Magier, der er ist, hat er Hundertausende
in den Bann gezogen. Zum Beispiel auch mit Sprüchen wie diesem:
"schalten Sie bitte ihr Handy aus. Beethoven schrieb die Mondscheinsonate
ohne Lkw- und D-1-Begleitung."
Oberteil der Seite
1 Feb 2001
Jacobowitz am Marimbafon
Basler Zeitung - Basle, Switzerland
Er ist seit 20 Jahren Strassenmusikant und möchte es
auch bleiben. "Wenn es wärmer wird, vielleicht sehen
wir uns dann wieder auf der Freien Strasse." Auf
der Strasse sei man dem Publikum näher, könne
Erklärungen abgeben und Fragen beantworten. Die Kälte
zwang Alex Jacobowitz also zu einem Gastspiel in einem Innenraum,
in die nicht gerade heimelig warme Elisabethenkirche. Vor ein viel
zu spärliches Publikum - auf der Strasse spiele er täglich
oft vor Hunderten Passanten -, das er zu sich bat, weil sein Instrument
so leise sei und er kein Mikrofon benützen wolle. Am Schluss
sassen alle quasi im Halbkreis um ihm herum. Wie kämpft er
bloss gegen den unvermeidlichen Stassenlärm, wenn ihn das Tram
oder die Polizeisirene draussen schon so stört?
Das Zelebrieren
Wie dem auch sei, Alex Jacobowitz ist Jude aus New York. Oft werde
er angepöbelt, auch in der Schweiz. Aber viel lieber, als solch
trüben Gedanken nachzuhängen, konzentriert er sich auf
sein Instrument und dessen Töne. "Meine Frau heisst Marimba",
stellt er das Xylofon (Holzklanginstrument) vor, das die Kinder
in der Pause spielen dürfen, und er findet, es klingt nicht
einmal schlecht. Der Meister dieses Instruments ist jedoch er, denn
selten hat man einen so verliebten Musiker erlebt, der mit Sendungsbewusstsein
den Klang seines Marimbafons richtiggehend zelebriert. Mit dem Nimbus
des Unerreichten. Was er spielt, sind Adaptionen für das "Tasteninstrument"
Marimbafon mit zwei Reihen Hölzern über fünf Oktaven,
eine Abwandlung des afrikanischen Vorläufers, der statt Aluminium-
resonanzkörper hohle Kürbisse hat. Manchmal tönt
es unter seinen Händen wie Glasharfe, manchmal wie die Panflöte,
oft wie die Gitarre. "Musik ist meine Sprache", so der
Wortlaut eines seiner Kommentare, die er fleissig einfügt,
um unseren Eindruck zu vertiefen. "Ich rede zu viel und spiele
zu wenig", gesteht er selber ein. Und doch, wie er spielt,
ist von ganz eigener Natur. Er hat Stücke für Tasteninstrumente
(Klavier oder Cembalo) - Originalkompositionen für Marimba
gibt es kaum - von Beethoven, Mozart und Bach, Debussy und vielen
anderen für sein Instrument angepasst, allerdings für
nur vier Finger, weil in seinen Händen bloss vier Schlegel
Platz haben.
Die Begeisterung
Und wie er sie führt, die Schlegel unterschiedlicher Härtegrade
und somit anderer Klangnuancen, wie er damit das Palisanderholz
streichelt und liebkost. Bis in die kleinsten Verästelungen
hinein präzis und köstlich. Noch nie haben wir Bachs "Chaconne"
mit solcher Begeisterung gehört. Das eröffnet ganz neue
Dimensionen. Oder Stücke für Gitarre, so feinsinnig und
subtil, dass einem klar wird, was ihm wichtig ist, nämlich
Stimmungen zu evozieren, Gefühle, Bilder. "Ich bitte Sie,
sich zu öffnen", schlägt er vor. Wir folgten Alex
Jacobowitz gern auf seinem diffizilen Trip nach innen.
Peter O. Rentsch
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| Süddeutsche
Zeitung - Munich, Germany
Marimbaphonspieler Alex Jacobowitz und seine seltsame Karriere
Alex Jacobowitz aus New York steht vor seinem Marimbaphon mit schwarzem
Hut, Vollbart und Haarlocken. Ganz orthodoxer Jude, aber zugleich
ein unglaubliches US-amerikanisches Showtalent. Mit vier Schlägeln
zündet er ein fulminantes musikalisches Feuerwerk. Der Vater
von sieben Kindern hat mit seinem Marimbaphon schon auf den Strassen
aller grossen Städte dieser Welt gespielt und zuletzt den Schritt
von der Strasse in die Konzertsäle geschafft.
Kritiker verliehen dem Marimba-Virtuosen seltsame Ehrentitel wie
etwa "Leonard Bernstein des Marimbaphons". Dabei ist Alex
Jacobowitz im Grunde seines Herzens ein Strassenmusikant. Ein Mensch,
der für sein Leben gern durch die Welt reist. Seinen Job als
Schlagzeuger in Jerusalem Symphony Orchestra gab er auf, weil er
fühlte, dass ihm die Welt nicht im Konzertsaal, sondern auf
der Strasse zu Füssen liegen würde. Und so war es dann
auch.
Von den Schwänken aus diesem rastlosen Musikerleben lebt seine
Bühnenshow. Jacobowitz peppt seine Konzerte durch Storys auf
und erzählt gern, wie er sein drei Meter breites Instrument
einmal per Gondel
zum Markusplatz verfrachtete. Auch, dass die Welt der klassischen
Orchester nicht seine Sache war. In "Tschaik Four", so
hies Tschaikowsky's 4. Symphonie unter Kollegen, fieberte der Schlagzeuger
nach dem Alles-Oder-Nichts-Prinzip dem einen entscheidenden
Schlag entgegen, wahrend er die übrige Zeit die Füsse
hochlegte. Für einen Marimbameister ein recht langweiliger
Job. Jacobowitz wollte mehr: "In der Musikhochschule lernt
man, die Schlägel zu benutzen wie beim Schlagzeug. Man lernt
nicht, sie zu benutzen wie Finger auf dem Klavier. Ich habe nach
vielen Jahren gelernt, mit den Schlägeln so zu spielen wie
mit vier Fingern auf einem Klavier." Dass garantiert den Erfolg.
Wenn die Menschen sehen, wie Jacobowitz in atemberaubendem Tempo
Mozarts Klassik-Renner "Rondo a la Turca" auf dem Marimbaphon
herunterhämmert, bleibt selbst der gehetzteste Flaneur ein
paar Minuten stehen.
Wenn Jacobowitz seine Marimba streichelt und liebkost, dann ist
das für ihn mehr als Show. Der Gesang befreie die Seele, so
heisst es in der Klezmer-Tradition. Und diese Tradition will Jacobowitz
mit seiner Marimba
wieder aufleben lassen. Als er vor 18 Jahren zum erstenmal von New
York nach Israel kam, entdeckte er das traditionelle Judentum für
sich. Er wurde zu
einem Klezmer, zu einem Musiker, der sein Instrument zum Singen
bringt. Musik für G-tt, Musik als Botschaft: diese spirituelle
Seite gehört zu seinen Konzerten. Denn Jacobowitz will Menschlichkeit,
Verständigung und Toleranz vermitteln. Schliesslich gibt es
unter Strassenmusikern eine selbstverständliche Solidarität.
Sie treffen sich immer wieder auf unterschiedlichsten Plätzen
der Welt. Manchmal fliegen sie ein Stück gemeinsam, und doch
bleibt jeder für sich, bleibt Individualist, Exzentriker. Die
Freiheit stellen Strassenmusiker über die Sicherheit. Das ist
mutig,
wenn man der Vater von sieben Kinder ist.
Der Ausstieg aus der soliden Sicherheit eines Symphonie-Orchesters
hat sich für Alex Jacobowitz gelohnt. Er ist heute als Star
des Abends sein eigener Chef und ernährt damit seine sieben
Kinder. Das ist eine amerikanisch-jüdische Erfolgsstory, und
zudem ein grosses Credo auf die Freiheit, denn, so Jacobowitz: "Sicherheit
gibt`s nicht. Wir sagen im Judentum: Sicherheit gibt`s nur in G-tt.
Dafur bin ich frei und kann durch die ganze Welt reisen. Ich kann
aufstehen, und ich kann sagen, heute möchte ich in Frankreich
oder in Italien spielen. Wäre ich Orchestermusiker geblieben,
hätte ich diese Freiheit nie gehabt."
GABRIELE KNETSCH
Oberteil der Seite
Der Tagesspiel (Berlin, Germany) - Jongleur
der Schlegel Alex Jacobowitz mit Marimba im Centrum Judaicum
1. November 1998
VON ROMAN RHODE
In Afrika hat sie ausgehöhlte Kürbisse als Resonatoren,
in ganz Mittelamerika ist sie aus Holz gefertigt. Sie erklingt,
kompakt und urtümlich, in Garküchen und an Haltestellen
für Überlandbusse, auf Kirchenfesten und Geburtstagen.
Hin und wieder taucht sie auch im Jazz oder bei sogenannter ethnischer
Musik auf. Von der Marimba ist die Rede, jenem Stabspiel also, das
mit seinen gestimmten Klanghölzern dem Xylophon
verwandt ist. Alex Jacobowitz allerdings ist mit einer Konzertversion
des Instruments unterwegs. Auf der Bühne im Centrum Judaicum
steht ein drei Meter langes Gestell mit mächtiger Klaviatur
und metallenen Resonanzröhren, das gut zwei Zentner auf die
Waage bringt. "Statt zehn Fingern benutze ich nur vier Schlegel",
erklärt Jacobowitz, die orthodoxen Schläfenlocken hinters
Ohr gelegt. Ist das denn so wichtig? Und ob! Denn der Künstler,
ein
Straßenmusikant aus New York und ehemaliger Perkussionist
im Sinfonieorchester Jerusalem, interpretiert auf der Marimba klassische
Kompositionen für Cembalo, Klavier, Violine und Gitarre. Sein
Repertoire reicht von Scarlatti, Bach oder Mozart bis hin zu Tárrega
und Albéniz, vom Barock bis zur spanischen Romantik. Das
instrumentelle Handicap, fehlende
Pedale und nur vier "Finger", überwindet Jacobowitz
ebenso spielerisch wie meisterhaft. Flink und präzise wirbeln
die Schlegel über die Klanghölzer, und dabei klingt die
Marimba so differenziert wie ein Piano, so füllig wie eine
Orgel und so sanft wie eine Harfe. Jacobowitz wirkt, vor allem bei
den Bachschen Fugen und den wilden Tremoli spanischer Gitarrenmusik,
wie ein gewitzter Jongleur der Töne und Schlegel. Und es gelingt
ihm fantastisch. Mit seiner Performance ist er Dirigent, Orchester
und Intendant zugleich. Weil es Jacobowitz aber in die Straßen
der Welt hinauszieht, steht er zudem in der Tradition der wandernden
Klezmorim. Und sein auf den ersten Blick so stumpfes, grobschlächtiges
Instrument - es geht wie das Messer durch die Butter.
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| Ortsgespräche
Alex Jacobowitz Marimba-Virtuose und Strassenkünstler
Dem aus New York stammenden Perkussionisten Alex Jacobowitz dürfen
viele Zürcherinnen und Zürcher auf ihrem Sonntagsspaziergang
entlang der Seepromenade schon mehrfach begegnet sein. Seit drei
Jahren konzertiert der klassisch ausgebildete Musiker auf der Strasse,
wo er auf seinem drei Meter langen Marimbaphon Werke von Beethoven,
Mozart und Bach spielt. Am kommenden Sonntag, 10 März, bestreitet
er ein Solorezital in der Tonhalle. Aus diesem Anlass unterhielt
sich Nick Liebmann mit dem jüdischen Musiker.
«Der Konzertsaal», meint Alex Jacobowitz etwas provokativ,
«ist das teuerste Hotel der Welt geworden. Weil die grossen
Interpreten klassischer Musik schon längst eine Wand zwischen
sich und ihrem Publikum aufgerichtet haben, kommt keine Kommunikation
zustande. Das Spirituelle und Transzendierende in der Musik wird
nicht mehr kommuniziert, die Zuhörerinnen und Zuhörer
sind nicht mehr in ihrem Innersten berührt, die gesellschaftlichen
Konventionen werden wichtiger als das, worum es hier wirklich gehen
sollte.»
Jacobowitz hat oft für Kinder gespielt und festgestellt, daß
sie eigentlich viel über Musik und das Instrument erfahren
möchten, aber einfach nicht wissen, welche Fragen sie eigentlich
stellen müssten. So hat er gelernt, seine Konzerte zu kommentieren,
die Fragen zu antizipieren, sein Publikum gleichermassen zu unterhalten
und zu informieren. Die Erwachsenen, so der charismatische Musiker
weiter, hätten eigentlich genau die gleichen Bedürfnisse
wie ihre Kinder. Nur getraute sich kaum jemand, Fragen zu stellen,
da viele den Eindruck hätten, sie allein wüssten die Antworten
nicht. Die Kunst, die Jacobowitz entwickelt hat, nennt er «Informance»,
ein Kürzel für «informal Performance».
Während seines Perkussionsstudiums an der Ithaca School of
Music in Upstate New York nahm Jacobowitz einst an einer Exkursion
nach Manhattan teil, zu einem Marimba-Recital von Vida Chenowith.
Dort bekam er Gelegenheit, mit Studenten der berühmten Juillard
School zu diskutieren. Einer davon hat sich sein Studium durch Strassenmusik
an der Ecke 80th Street/Broadway finanziert und schon damals für
zwei Stunden Xylophonspiel 55 Dollar verdient. Jacobowitz hat das
dann auch probiert, seine Marimba hin- und hergeschoben, und schon
bald einmal den Dreh gefunden, wie das funktioniert. Er hat gelernt,
wie man zu den Passanten spricht, wie man ihre Aufmerksamkeit auf
sich zieht, wie man sie unterhält, ohne die hohe Kunst zu verraten.
Und er war schon bald erfolgreich. Als Strassenkünstler wurde
er sogar eingeladen, zwei Solokonzerte im Lincoln Center zu geben.
Ein prägendes Erlebnis war für den Perkussionisten auch
die Aufführung der vierten Symphonie Tschaikowskys, als er
1981/82 reguläres Mitglied des Sinfonieorchesters in Jerusalem
war. Über den ersten drei Sätzen steht für den Perkussionisten
«Tacet». Erst dann muss er sich erheben und wie wild
auf die Triangel einschlagen. So konnte sich Jacobowitz seine weitere
Musikerkarriere auf keinen Fall vorstellen. Als Marimba-Solist auf
der Strasse hingegen (ein auch wirtschaftlich nicht gerade uninteressantes
Tätigkeitsfeld ) ist er sein eigener Dirigent, sein eigenes
Orchester, sein eigener Intendant.
Die Strassenmusik befriedigt Jacobowitz außerordentlich.
Oft spielt er an einem Tag zehn Konzerte für 6000 Leute, berührt
ihre Herzen und kann ihnen die Schönheit und den Wert seines
Instrumentes buchstäblich hautnah demonstrieren. Zu den Stücken,
die er für sein Instrument meisterhaft bearbeitet hat, erzählt
er interessante Anekdoten aus der Musikgeschichte, und seine Zuhörerinnen
und Zuhörer haben keinerlei Mühe, die Umweltgeräusche
innerlich auszuschalten. Dabei geht es ihm keinesfalls um «Ego»
oder «Virtuosität». Vielmehr möchte er seine
Empfindungen zu den musikalischen Meisterwerken mit seinem Publikum
teilen. Bei einem seiner Konzerte in Budapest, erzählt Jacobowitz,
habe eine Frau geweint, im Lincoln Center hingegen sei das noch
nie vorgekommen.
Jacobowitz erzählt gerne vom grossen chassidischen Xylophonvirtuosen
Joseph
Gusikow, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts sein Publikum begeistert
und den Neid Liszts auf sich gezogen hat. Auf seiner «Holz-
und Strohfiedel» spielte Gusikow Musik von Paganini und Rossini,
improvisierte aber auch über jüdische Musik aus Russland
und Polen. Für Jacobowitz, der zurzeit an einer Biographie
über Gusikow arbeitet, wäre es ein Traum, seinem Instrument
wieder eine ähnliche Popularität zu verschaffen. Denn,
so der Perkussionist, gewisse Stücke (etwa der Türkische
Marsch Mozarts oder die Gitarrenstücke des Spaniers Francisco
Tárrega) würden in seiner Version besser klingen als
die Originale.
Jacobowitz hat eine anstrengende Zeit hinter sich. Als Einmannbetrieb
(mit ein paar Helfern im Netzwerk) hat er sein Tonhalle-Rezital
eigenhändig
organisiert. Aber er ist überzeugt, dass er den Besucherinnen
und Besuchern ein höchst interessantes, umfassendes Marimba-Programm
präsentieren darf, dass größtenteils aus absolut
neuen Bearbeitungen besteht. Die Spannweite reicht von Barock bis
in die Neuzeit, von Couperin bis Paul Smadbeck, von dem übrigens
das einzige eigens für die Marimba geschriebene Stück
des Konzerts stammt. Auch in der Tonhalle möchte der Solist
keine Konventionen einhalten. Er wird nicht im Frack musizieren
und wird, genau wie er es auf der Strasse tut, erklärende und
unterhaltende Worte an sein Publikum richten.
Zürich, Tonhalle, 10. März, 16 Uhr
Oberteil der Seite
Süddeutsche Zeitung 24. Juni 1993
Mit der Marimba ständig auf Achse
Ein pfiffiger Musikus, der ein ungewöhnliches Instrument im
Gepäck trägt
Es ist nicht nur das ungewöhnliche Instrument, das Alex Jacobowitz
zu umjubelten Auftritten verhilft. Es ist auch der verschmitzte
Charme, mit dem sich der bärtige Musiker mit grauem Anzug und
schwarzem T-Shirt, mit der Kippa", der traditionellen
Kappe gläubiger Juden, auf den schwarzen Locken, in die Herzen
der Zuhörer spielt, etwa wenn er das Publikum ermahnt: Stören
Sie bitte nicht die Anmut der Musik, indem Sie während des
Spielens Münzen in die Schale werfen. Verwenden Sie Papiergeld!"Oder
wenn er neue Zuhörer begrüßt: Hallo, mein
Name ist Alex. Ich bin aus New York, und das ist meine Frau, die
Marimba."Das kennen die Leute hier nicht, das ist die
New Yorker Art", lacht er. Ein Auftritt wie ein Held, eine
Mischung aus Unterhaltung und Geschäftstüchtigkeit. Und
dann legt der 32jährige los, spielt Klassiker auf seiner Marimba,
einer Art übergroßem Xylophon auf Rollen, bekannt eher
durch lateinamerikanische Musik. Gut zwei Meter breit und hüfthoch,
aus Edelholzplatten und Metallröhren, die gemeinsam eine warmen,
hellen und zugleich mystischen Klang ergeben, wann immer das Holz
mit Trommelschlegeln zum Schwingen gebracht wird. Kein Zweifel,
mit seiner Marimba-Versionen von Bach-, Beethoven- und Vivaldi-Klassikern
ist Jacobowitz derzeit einer der Stars in der Fußgängerzonen-Szene.
Regelmäßig zieht der Amerikaner die meisten Zuhörer
aller Straßenkünstler an seinen Stammplatz unter der
Baumgruppe zwischen Michaelskirche und Karlstor an.
Die Leichtigkeit seines Spiels fasziniert, auch wenn sie bloß
eine Illusion ist. Hinter der scheinbaren Mühelosigkeit, mit
der Alex Jacobowitz vier Schlegel zugleich über zwei Reihen
hölzerner Platten fliegen läßt und dabei Töne,
Akkorde, Melodien hervorzaubert, steht höchste Konzentration.
Zum Marimba-Spiel kam Alex Jacobowitz erst mit 19 Jahren. Er studierte
in New York klassisches Schlagzeug für den Orchestereinsatz
und die Marimba gehörte dazu. Er brauchte nicht
lange, um zu erkennen, daß dieses als Begleitinstrument unterschätzte
Holz-Metall-Konstrukt das Potential eines Klaviers³ hat.
Von da an war es um ihn geschehen. Jacobowitz: Ich habe fanatisch
geübt, mich manchmal zwölf Stunden am STück im Keller
eingesperrt."Es hat sich gelohnt: 1981 bekam er eine ersten
Preis im internationalen Nachwuchsmusikwettbewerb von Montreal,
spielte hinterher mit der Jerusalem Symphonie". Aber
auf Dauer genügte ihm das Musizieren in der hinteren Orchesterreihe
nicht. Er arrangierte klassische Stücke für Marimba um,
packte sein unhandliches Instrument und machte sich auf die Reise.
Mit seinen Auftritten in Fußgängerzonen, Gemeindezentren
und Konzerthallen hat sich Jacobowitz inzwischen schon bescheidene
Bekanntheit erspielt. Ein Stapel Berichte aus deutschen Lokalzeitungen
legt eine Spur durch das ganze Land. Die Marimba hinten im Lieferwagen,
tourt er seit drei Jahren jeden Sommer durch die Innenstädte
Europas; durchschnittlich acht Länder klappert er im Jahr ab,
abhängig vom Wetter, den Zuhörern und dem Zuspruch. Jacobowitz
sieht sich ein wenige als Prophet, der die Leute daran erinnert,
nicht die schöne Musik zu vergessen. Ich zeige ihnen, die eigene
Kreativität nicht zu vernachlässigen."Nicht immer
stößt er dabei auf offene Ohren. Ganz streng nach den
Buchstaben der Verordnungen nahm ihn unlängst die Münchner
Polizei fest, weil er nach seinem Auftritt CD's und Cassetten mit
eigenen Aufnahmen verkauft hatte. Nirgends nähme man die Bestimmungen
so ernst wie an der Isar, klagt Alex Jacobowitz, das sei seine schlimmste
Erfahrung gewesen. Andererseits, den schönsten Auftritt hatte
er auch in der Münchner Fußgängerzone. Das
Publikum hat getobt. Nebenan haben zwar Fußballfans gegrölt,
aber die Menschen blieben stehen und haben meiner Musik gelauscht
und gemerkt: Da steht dieser jüdische Junge und versucht ganz
allein die Zivilisation aufrechtzuerhalten."
Achim Zeilmann
Donnerstag, 24. Juni 1993
Oberteil der Seite
Süddeutsche Zeitung 14.04.2001
Tschaik four ist nicht das Leben Marimbaphonspieler
Alex Jacobowitz und seine seltsame Karriere
Alex Jacobowitz aus New York steht vor seinem Marimbaphon mit schwarzem
Hut, Vollbart und Haarlocken. Ganz orthodoxer Jude, aber zugleich
ein unglaubliches US-amerikanisches Showtalent. Mit vier Schlägeln
zündet er ein fulminantes musikalisches Feuerwerk. Der Vater
von sieben Kindern hat mit seinem Marimba-phon schon auf den Strassen
aller grossen Städte dieser Welt gespielt und zuletzt den Schritt
von der Strasse in die Konzertsäle geschafft.
Kritiker verliehen dem Marimba-Virtuosen seltsame Ehrentitel wie
etwa Leonard Bernstein des Marimbaphons". Dabei ist Alex
Jacobowitz im Grunde seines Herzens ein Strassenmusikant. Ein Mensch,
der für sein Leben gern durch die Welt reist. Seinen Job als
Schlag-zeuger im Jerusalem Symphony Orchestra gab er auf, weil er
fühlte, dass ihm die Welt nicht im Konzertsaal, sondern auf
der Strasse zu Füssen liegen würde. Und so war es dann
auch.
Von den Schwänken aus diesem rastlosen Musikerleben lebt seine
Bühnen-show. Jacobowitz peppt seine Kon-zerte durch Storys
auf und erzählt gern, wie er sein drei Meter breites Instrument
einmal per Gondel zum Markusplatz verfrachtete. Auch, dass die Welt
der klassischen Or-chester nicht seine Sache war. In Tschaik
Four", so hies Tschai-kowsky¹s 4. Symphonie unter Kol-legen,
fieberte der Schlagzeuger nach dem Alles-Oder-Nichts-Prin-zip dem
einen entscheidenden Schlag entgegen, wahrend er die übrige
Zeit die Füsse hochlegte. Für einen Marimbameister ein
recht langweiliger Job. Jacobowitz wollte mehr: In der Musikhochschule
lernt man, die Schlägel zu benutzen wie beim Schlagzeug. Man
lernt nicht, sie zu benutzen wie Finger auf dem Klavier. Ich habe
nach vielen Jahren gelernt, mit den Schlägeln so zu spielen
wie mit vier Fingern auf einem Klavier."; Das garantiert den Erfolg.
Wenn die Menschen sehen, wie Jacobowitz in atemberaubendem Tempo
Mozarts Klassik-Renner Rondo a la Turca"; auf dem Marimbaphon
herunterhämmert, bleibt selbst der gehetzteste Flaneur ein
paar Minuten stehen.
Wenn Jacobowitz seine Marimba streichelt und liebkost, dann ist
das für ihn mehr als Show. Der Gesang befreie die Seele, so
heisst es in der Klezmer-Tradition. Und diese Tradition will Jacobowitz
mit seiner Marimba wieder aufleben lassen. Als er vor 18 Jahren
zum erstenmal von New York nach Israel kam, entdeckte er das traditionelle
Judentum für sich. Er wurde zu einem Klezmer, zu einem Musiker,
der sein Instrument zum Singen bringt. Musik für G-tt, Musik
als Botschaft: diese spirituelle Seite gehört zu seinen Konzerten.
Denn Jacobowitz will Menschlichkeit, Verständigung und Toleranz
vermitteln. Schliesslich gibt es unter Strassenmusikern eine selbstverständliche
Solidarität. Sie treffen sich immer wieder auf unterschiedlichsten
Plätzen der Welt. Manchmal fliegen sie ein Stück
gemeinsam, und doch bleibt jeder für sich, bleibt Individualist,
Exzentriker. Die Freiheit stellen Strassenmusiker über die
Sicherheit. Das ist mutig, wenn man der Vater von sieben Kinder
ist.
Der Ausstieg aus der soliden Sicher-heit eines Symphonie-Orchesters
hat sich für Alex Jacobowitz gelohnt. Er ist heute als Star
des Abends sein eigener Chef und ernährt damit seine sieben
Kinder. Das ist eine amerikanisch-jüdische Erfolgsstory, und
zudem ein grosses Credo auf die Freiheit, denn, so Jacobowitz: Sicherheit
gibt`s nicht. Wir sagen im Judentum: Sicherheit gibt`s nur in G-tt.
Dafur bin ich frei und kann durch die ganze Welt reisen. Ich kann
aufstehen, und ich kann sagen, heute möchte ich in Frankreich
oder in Italien spielen. Wäre ich Orchestermusiker
geblieben, hätte ich diese Freiheit nie gehabt."
GABRIELE KNETSCH
Oberteil der Seite
PLAUDEREI MIT ZAPFEN, SCHLEGEL, FERNWEH
Leipziger Volkszeitung 10. November 2000
Marimbaphonist Jacobowitz erzählte Geschichten
Marimbaphon und Plauderton die Kunst des in New York geborenen
jüdischen Musikers Alexej Jacobowitz erschöpft sich nicht
allein in der Beherrschung seines Instruments. Hier ist er Herr
über fünf Oktaven, einer chromatischen Klaviatur aus Hartholzstückchen,
an deren Unterseite Metallröhren wie Eiszapfen in Reihe hängen
und den Klang verstärken. Jacobowitz ist Virtuose und gewitzter
Geschichtenerzähler in einer Person. Muss er auch. Denn von
François Couperin und Domenico Scarlatti lässt sich
nicht ohne weiteres zu Beethoven, Albéniz und Paul Smadbeck
überleiten.
Die Auswahl der Stücke ist eindeutig der Machbarkeit auf dem
aus Südafrika stammenden Schlaginstrument geschuldet. Zumal
in den meisten
Fällen der Notentext lediglich übertragen wurde und nicht
bearbeitet. Die Fantasien von Mozart (KV 397) und Bach (BWV 922)
beispielsweise danken es ebenso wie Francisco Tárregas für
Gitarre komponiertes Arabisches Capriccio. Jacobowitz mitreißende
Musikalität, frappierende Vielfalt an Klängen und Lautstärken
und der Fakt, daß vier Schlegel an der Klaviatur offenbar
zehn Finger ersetzen können, ist ein Erfolgsgarant, der Zugaben
unweigerlich zur Folge hat und auch dem CD-Absatz am Ausgang förderlich
ist. Am Ende geht es aber nicht allein darum, dem Marimbaphon eine
Bresche zu schlagen oder gar neue Klangwelten zu entdecken, die
bislang eingeklemmt im hintersten
Orchestertutti schlummerten. Jacobowitz ist ein fahrender Geselle,
dessen Lieder noch nicht gefunden haben, was sie in der Ferne suchen.
Jörg Clemen
Oberteil der Seite
Alex Jacobowitz spielt heute in der Handelsbörse
Leipziger Volkszeitung 8. November 2000
Der vielleicht einzige Marimbaphonist ist ein Rattenfänger
Alex Jacobowitz zählt zu den außergewöhnlichsten
Figuren im Musikgeschäft. 1960 in New York als Sohn jüdischer
Amerikaner geboren, studierte er zunächst Perkussion an der
Musikhochschule, Ziel: Orchesterschlagzeuger. Die Liebe zum Marimbaphon,
einer Xylophonart, kam ihm jedoch dazwischen. Mit dem exotischen
Instrument wollte er neue Klangwelten erschließen. Und zwar
als Straßenmusiker.
Frage: Sie sind möglicherweise der einzige professionelle
Marimbaphonist der Welt. Wie kam das?
Alex Jacobowitz: Während des Studiums musste ich auch
Marimbaphon lernen. Das war, wie einen Partner zu finden. Ich wollte
reden durch dieses
Instrument. Es gibt keine Marimbaphonsolisten³, meinte
mein Professor. Ich sagte: Dann werde ich der erste sein.³
Ich habe unendliche Klangschönheiten entdeckt. Das Marimbaphon
eignet sich für Klavier-, Gitarren- wie für Geigenmusik.
Wie reagiert Ihr Publikum?
Es ist eine große Herausforderung, ein Konzert auf einem
unbekannten Instrument zu geben. Beim Xylophon denken die Leute
an Kinderspielzeug. Wie soll man darauf Bach und Mozart spielen?
Ich trete auf der Straße auf, damit die Leute mein Instrument
entdecken und mir ins Konzerthaus folgen. Insofern bin ich ein Ratenfänger.
Sind Bach und Beethoven ohne weiteres Marimbaphon-kompatibel?
Selbstverständlich nicht alle Stücke. Viele können
aber ganz ohne
Veränderungen gespielt werden. Ich nehme den Stücken nichts
weg, gebe ihnen aber etwas Neues hinzu. Ich spiele zum Beispiel
die Fantasie in a-moll von Johann Sebastian Bach, ein frühes,
wildes Werk. Die Sonate in G-Dur, Opus 49, von Beethoven. Und eine
Fantasie von Mozart, Köchelverzeichnis 397. Außerdem
spanische Gitarrenmusik.
Doch Sie musizieren nicht nur ...
Es ist nicht so wichtig, schöne Musik zu spielen. Die Leute
suchen
Bedeutung. Daher erzähle ich auch Anekdoten und Witze und lese
aus meinem Buch Ein klassischer Klezmer³. Ich kommuniziere
auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Publikum.
Sie haben einen bequemen Job bei den Jerusalemer Sinfonikern aufgegeben.
Ich konnte mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, mein Leben lang
in der dunkelsten Ecke des Orchesters zu verbringen und nur aufzustehen,
um die Triangel anzuschlagen. Ich bin lieber mein eigener Dirigent
und baue mir ein eigenes Publikum auf. Ein Amerikaner, der klassische
europäische und jüdische Musik auf einem afrikanischem
Instrument interpretiert: So werden Kulturen zusammengebracht.
Mit welchen Gefühlen treten Sie in Deutschland auf?.
Es ist sehr schwer. Ich bin in den USA mit Vorurteilen gegen Deutsche
aufgewachsen. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, deutsch zu
lernen. Heute verbringe ich viel Zeit in Deutschland. Es gibt Probleme
mit Neonazis. Wenn ich auf der Straße spiele, bin ich für
150 Leute der Held, doch für ein, zwei Leute hinten bin ich
der Jude.
Interview: Hendrik Pupat Konzert: heute um 19:30 Uhr, Alte Handelsbörse
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Rottaler Anzeiger
Virtuose mit der Botschaft von Toleranz - 21.12.01
Von Franz Gilg
Eggenfelden. Ein Abend für die Opfer von New York - Angesichts
dieses
Mottos hätte man vermuten können, das die fröhliche
Stimmung am Christkindlmarkt einer tiefen Depression weicht. Dem
war aber ncith so. Zum einen lag das am unterhaltsamen Auftritt
des Stargastes Alex Jacobowitz, zum anderen wurden mit Sternwerfern
Funken der Hoffnung versprüht. Das alles getreu dem Vorbild
der Amerikaner, die sich von den Anschägen am 11. September
nicht die Lebensfreude vermiesen liessen.
Der Marimbaspieler Jacobowitz ist in jeder Hinsicht eine symbolträchtige
Gestalt, denn als Sohn osteuropäischer Auswanderer verbrachte
er Kindheit und Jugend in New York. Durch einen Kibbuz-Aufenthalt
in Israel entdeckte er seine Wurzeln neu und fand einen Weg zum
traditionellen Judentum. Doch obwohl er seitdem mit langen gelockten
Haarsträhnen, einem Vollbart und der Kipa am Kopf daherkommt,
sieht sich der 41-Jährige nicht als religiöser Fundamentalist.
Seine Sprache sei die Musik, betont er. Und die verstehe jeder Mensch.
Mehr noch: Jacobowitz sieht seine Musik als Dienst der Hände,
als Botschaft von Menschlichkeit, Verständigung und Toleranz.
So reist er jeden Sommer mit seinem hundert Kilo schweren Instrument
durch die Grossstädte Europas, wo er in den Fussgängerzonen
mit seiner Mischung aus klassischem Konzert und New Yorker Street
Show begeistert.
Und doch ist der Weltenbummler kein armer Strassenmusikant, sondern
einer der wenigen professionellen Xylophonspieler, ein begnadeter
Virtuose mit vier Schlegeln, die er treffsicher über die Hölzer
wirbeln lässt. Fünf CDs hat er mittlerweile veröffenlicht
und ein Buch über seine Erlebnisse auf Reisen geschrieben.
er spielt bisweilen als Solist in grossen Orchestern
und verbringt die kalten Wintermonate bei seinen sieben Kindern
in der Nähe von Jerusalem.
Ein glücklicher Zufall also, dass ihn Christkindlmarkt-Organisator
Aloys Kalmer verpflichten konnte: "Mein Sohn hat CDs von ihm
mitgebracht und den Kontakt hergestellt. Da er gerade zwei Konzerte
in München gibt, konnte er zwischendrin nach Eggenfelden kommen.
Aber die Verhandlungen waren nicht einfach."
Nun platzierte Jacobowitz sich mit seinem fast drei Meter langem
Instrument, das etwa so teuer wie ein Kleinwagen ist, auf der Bühen
vor dem Rathaus und zog die Zuhörer trotz klirrender Kälte
schnell in seinem Bann. Mit erflärenden Worten und witzigen
Sprüchen zwischen den Stücken sorgte er für willkommene
Auflockerung, zumal sein Programm weder zum Tanzen, Klatschen oder
Mitsingen geeignet war. Mit Beethovens "Für Elise"
fing es an, dann folgten ähnlich bekannte "Ohrwürmer"
von Mozart, Bach und anderen Klassikern, aber auch schwiereige Orgelmusik,
traditioneller jüdischer Klezmer und der Zauber der spanischen
Gitarre, wie das romantische "Recuerdos de la Alhambra"
von Francisco Tarrega. "Ich musste natürlich die Originalnoten
umschreiben, weil ich ja keine zehn Finger, sondern nur vier Schlegel
habe", erzählt der 41-Jährige, der ursprünglich
Orchesterschlagzeuger war und dann Marimba studiert hat. "Ich
wollte einfach nicht länger irgendwo hinten im Orchester stehen
und dreimal in der Stunde die Triangel schlagen."
Die Klassik interessiere ihn mehr als z.B. Jazz oder moderne Unterhaltungsmusik,
da hier der Xylophonspieler eigentlich mehr ein Trommler sei, der
auf sein Instrument einknüpple. Er hingegen entlockt der Marimba
vielfältig temperierte Klänge, die aufmerksames Zuhören
erfordert. Das war in der Atmostphäre des Marktes leider nicht
so gut möglich wie in einem Konzertsaal. Aber wer ganz nach
vorne an die Bühne trat, konnte sich trotzdem von Jacobowitz'
Musik verzaubern lassen.
Die Hoffnung, dass in Israel irgendwann einmal Palästinenser
und Juden friedlich zusammenleben können, hat er - der selbst
Siedler im Westjordanland ist - nicht aufgegeben. "Erinnern
wir uns, wie gut Juden und Muslime vor tausend Jahren in Spanien
zusammengearbeitet haben. Diese Zeit wird wiederkommen, aber es
kann dauern."
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