| Joseph Gusikow
in Frankfurt am Main Gleich dem ersten Helden
unserer lebenden Instrumentalisten ist jetzt Joseph Guskow auf seinen
Holz- und Strohinstrumenten gefeiert. Holz und Stroh! - Gibt es
ein besseres Requisit, um eine Welt in Flammen zu setzten, als dieses?
Zerbrecht eure Geigen, ihr Paganini und Mesoni! Zerreisst eure Saiten
ihr Thalberg und Chopin! Hört auf zu schlagen, all' ihr italischen
und deutschen Nachtigallen! Der Schall ist gleich dem Klang geworden,
und
das tonlose tritt mit euch in die Schranken. Guskow rollt sein Instrument
zusammen, der Sturm des Enthusiasmus weht hinein, und der Scheiterhaufen
ist fertig, der euern langen glänzenden Ruhm zu Asche brennt.
Aber ich will Guskow damit nicht anklagen. Muss er doch riesenmässig
wachsen in der Meinung der Adepten, je tiefer sein unclassisches
Instrument in derselben
sinkt. Guskow prahlt nicht mit Rang und Titel. Er nennt sich "Virtuos
auf dem Holz- und Strohinstrument," und er hält mehr als
er verspricht. Ich unterscheide den Virtuosen von dem Künstler,
und Guskow darf kühn in die Reihen der letztern treten. Ich
kenne dieses Mannes Biographie nicht, aber ich sehe ihn, von einem
unbesiegbaren Hange getrieben, umherirren, die Ahnungen seines Innern
zu versinnlichen. Er kannte noch nicht die wunderbare Wirkung unserer
Instrumente, und dennoch war Alles Musik, was ihn umgab. Die Stimme
der Thiere, der Gesang der Vögel, das Murmeln der Bäche,
das Säuslen der Lüfte in den Bäumen und im Schilfrohre
des Meeres, Alles erfüllte ihn mit Sehnsucht, auch Töne
zu schaffen. So entstand dem Mittellosen nach und nach dies einfache
Mittel, seine innere Sprache zu verkünden. Allein der Autodidakt
blieb nicht unbemerkt. Er trat in die Welt, sah, hörte, verbesserte
seine Holzstäbchen, bildete sich seine Tonfolge nach unserer
Scala, und entwickelte die Aeusserung eines anfangs dunkeln Gefühls
zur bewustvollen Fertigkeit unserer Kunstsprache. Aber Gewohnheit,
Dankbarkeit und der jedem Menschen angeborne Trieb nach dem Seltsamen
machten ihm sein Instument unentbehrlich; - er trennt sich nicht
mehr von ihm, und so verkündet nun Gusikow seine innenwohnende
Kraft fortwährend auf den rohen Stoffen, die ihm früher
seiner musikalischen Entwickelung erster Zustand geschaffen.
Und wesshalb sollte man Gusikow den Namen Künstler
versagen? - Weil er nicht nach Noten musicirt, oder die Musik seiner
Seele nicht nach contrapunktischen Argumenten schnitzt? - - Ich
will hier einhalten, um mich nicht sehr tief in die traurige Kunstgeschichte
unserer Zeit zu verlieren. Nur frage ich noch: wer steht höher,
der, welcher aus volltönenden Stoffen, und im Besitz aller
der überreichen Mittel des herrschenden Kulturschrittes ewig
nur Holz und Stroh reproducirt, oder der, welcher auf Holz und Stroh
die ganze Poesie eines wahrhaften Ingeniums zu verkünden vermag?
- Und das Leztere thut wahrlich Gusikow. Abgesehen von der unbegreiflichen
Fertigkeit, womit er, vermittelst zweier einzelner Schlägel
auf ein paar Dutzend hölzerner Stäbe und Stäbchen,
die auf Strohbändern ruhen, Schwierigkeiten übertändelt,
die man oft nicht von zehn gesunden Fingern vollkommener besiegen
hört; - abgesehen also von einer möglichst ausgebildeten
Technik in jedem Genre des Passagen - und Trillerwesens, macht er
uns durch so kühnen als geschmack- und geistvollen Vortrag
die Sub-alternitäat seines Instrumentes völlig vergessen,und
mich sollte gar nicht wundern, wenn bald durch ihn ein Zweiter Schüler
entstünde, der statt einer "Laura am Clavier" einen
"Gusikow am Holz- und Strohinstrument" besingen würde.
Dazu sein etwas phantastisches Aeusseres, die Electricität
seines ganzen Wesens, während er spielt - aber man musss das
hören und sehen zugliech. - Ist Etwas zu beklagen, so dürfte
es die Richtung seyn, die Gusikow's Virtuosität in der Wahl
von Quodlibets aus Norma, Zampa, Robert und Strauss'scher Tänze
genommen. So eine aussergewöhnliche Erscheinung sollte in Allem
aussergewöhnlich seyn.
Seinen Variationen von Mayseder und dem Glökchenconcert
sind übrigens ein verständiges und satzgemässes Arrangement
nicht abzusprechen. Dass sich der Künstler eines ausgezeichneten
Auditoriums und Beifalls zu erfreuen hatte, liess sein Ruf erwarten.
Was endlich die Erfindung dieses Instruments betrifft,
die sich der Virtuos zuschreibt, so weiss er wohl nicht, dass schon
Wenzel Müller in seiner Oper; "Die Schwestern von Prag"
ein ganz ähnliches auf die Bühne brachte, unter dem Namen
"Gelächter" bekannt; und manchem Frankfurter wird
es noch erinnerlich sein, wie unsere beiden Buffons, Lur und Hassel,
besonders der Letztere, durch ganz wacker durchgeführte Variationen
in dieser Oper auf diesem Instrumente manches Da capo erregten.
Aber eben so wenig wie Gusikow kann W. Müller
der Erfinder dieses
"Gelächters" gewesen sein, da sich schon die Chinesen
lange vor Christi Geburt eines ähnlichen Instruments bedient
haben. Nach Burney's Angabe war es eine Art von Sticcado aus Holstäbchen
von verschiedener Länge bestehend, und von metallreichem Klange.
Die Stäbe seyen über eine hohe Vase in der Form eines
Schiffsbauches angebracht gewesen, und Burney will dieses Instrument,
das keine halben töne hatte, bei dem Abbé Arnauld in
Paris als dessen Eigenthum gesehen haben. Dass unser Concertgeber
eine ähnliche Entdeckung gemacht, dieselbe vermehrt und nach
dem diatonsichen Klanggeschlecht neu construirt habe, will und kann
ich nicht bestreiten.
M. G. Saphir
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Gusikow's
Tod von M.G. Saphir
"Wer weiss, wie viel andere Saiten dieser
Joseph Gusikow im Leben anschlug, ohne Anklang, ohne harmonische
Erwiederung zu finden! Holz und Stroh allein verstanden ihn, im
Holz und im Stroh allein wohnten weinende, klagende, jammervolle
Töne, die ihn und seine Wehmuth und seinen Schmerz verstanden,
und mit him weinten und mit him klagten!"
(M.G. Saphir, am 21. Juni 1835.)
Mit obigen Worten habe ich Gusikow eingeführt
in die öffentlich Welt. Es sind über zwei Jahre. Er kam
hieher nach Wien, vor ihm ging weder die Feuersäule eines grossen
Renommées, noch die Wolkensäule, die den goldenen Regen
auf fruchtbare Ankündugungen sendet. Er kam aus der Wüste
seines jungen Lebens, durch welche er mit der Bundeslade seiner
Kunst einsam zog; ihm träuselte kein Manna aus den Lüften,
und keine Wachtelwolke leerte seinen Segen über ihn aus. -
Er gab ein Concert; aber Joseph Guskow war unbekannt,
er brachte keine Empfehlungen und keine lobenden Kritiken mit, and
das Concert war leer, und kein Mensch sprach von Joseph Gusikow,
von dem armen polnischen Juden, der
einige Zeit darauf in den Salons von Wien und Paris gefeiert wurde!
In einem kleinen Zimmer aber in der Wipplingerstrasse
waren versammelt einige Frauen und Herren, Schriftsteller und Künstler,
und der Herr dieses kleinen Zimmers war ich, und ich sagte: "Meine
Herren und Damen, ich werde Ihnen vorführen den armen Reb Joseph
Gusikow aus Polen, der nicht spielt die schwindsüchtige Flöte,
und nicht das plappernde Piano, und nicht die Charpie-rupfende Guitarre;
sondern das "Holz- und Stroh-Instrument," die
Kinor Ebol (Trauerharfe) aus Babylon, in welcher wohnen die Ahngeister
seiner Vorfahren, aus welcher herausweinen die Seelen der zertrümmerten
Psalter Davids; aus welcher die Töne irrend herausflattern,
wie die ausgejagten Schwalben Tsions, aus deren geöffneten
Poren herausquillen die Regino's und Schigjones der entsaiteten
Königsharfe, und deren ausgehauchter Klang nichts ist, als
das Wanderlied Ahasvers, von Misrach bis Marob (von Osten
bis Westen), der nirgends Echo, nirgends Anklang, nirgends Gegenklang
findet."
Und Joseph Gusikow spielte seine heimische Weise auf
der Polyglotte aud Holz und Stroh, und die Männer in meinem
kleinen Zimmer standen sinnend und horchend, und die lieblichen
Frauen und Mädchen vergossen Thränen über Klagen,
die sie nicht verstanden, über singende, ausgetriebene Klagegiester,
die sie hörten, deren Schmerz sie aber nicht begriffen; und
als er aufhörte, da traten die Holden hin zu dem armen polnischen
Juden, mit dem blassen Antlitz, und mit dem Schmerz, dem Malerzeichen
der Kunst, um den gekrausten polnischen Bart, und sie sagten ihm
viel Schönes und Herzliches, ihm, dem bis jetzt kein Ton entgegenkam,
als der aus seinem Holze!
Ich sprach darauf öffentlich ein paar Worte zu
dem Wiener Publikum für den armen, polnischen Juden, der wohl
wusste Stroh und Holz zu spielen, aber nicht Journale und Recentsenten,
anderes Holz und Stroh! Bald darauf erkannte das kunstsinnige Wien
das eigenthümliche, wundersame Talent, und mit den Lorbeeren
Wiens um die bleichen Schläfe, begann Gusikow seine Wanderung
durch Europa, und überall fand er empfängliche Seelen
für die Sprache seines Instrumentes; überall fühlende
Herzen und offene Gemüther für seine wundersame Kunst.
Dass der arme Kanaanite auch auf dieser Wüsten-Wanderung auf
Midian und Moab aufstiess; dass ihm auch hier dann und wann ein
Amalek die schöne Pilgerfahrt verbitterte, ist nicht zu verwundern.
Ist doch jede Kunstfahrt eine Fahrt nach dem gelobten Lande, und
an beiden Seiten der Strasse lauern die Midjaniten und die philiströsen
Gewürzkrämer, um zu spotten und zu höhnen!
Und die Rotten, die schon dem wandernden Propheten
ihr "Aleh Korech!" nachriefen, und ihn ausspotteten, sie
fehlten auch nicht am Wege Gusikow's, des armen, polnischen Juden.
Sie haben ihn parodirt, und versucht, sein Instrument nachzuäffen;
sie haben ihm sein Instrument gestohlen; sie haben ihm seine Zunge
gestohlen, seine Sprache, und haben ihn allein gelassen, ohne Sprache,
ohne Dolmetsch, in einer Welt, die ihn nicht verstand, unter Menschen,
zu denen er nicht reden konnte; ein plötzlich Stummgewordener
in Mitten eines ihm lauschenden Cirkels!
Der Gott seiner Väter aber, der da eingesammelt
hat die Asche seiner Väter zu der Asche seiner Vorväter,
der die Taube zurückführte in die Arche, als sie keinen
Ruhepunkt fand, der den frommen Knaben im Gefängnisse hat gelehrt
die Träume deuten und vor Pharoa zu treten; er, der Allmächtige,
rief ihn zu sich in seinem zweiunddreissigsten Lebensjahre, und
er legte aus seinen Händen das Holz- und Stroh-Instrument,
und faltete sie, und er sprach zu den weinenden Brüdern, die
um ihn standen und beteten: "Höre Israel!" und laut
schluchzen: "Ihr werdet heimkehren zu meiner Frau und zu meinem
Kindern ohne mich, ich
aber kehre heim zum ewigen Vater, an dessen Thronstufen sitzt David,
der königliche Harfenschläger, und ich werde mit ihm singen
seine unsterblichen Lieder!"
Und ein Kuss des Friedens nahm seine Seele von seinen
bleichen Lippen, und trug sie hinüber in das Stiftszelt des
Herrn des Himmels und der Erde. Das Holz- und Stroh-Instrument seiner
sterblichen Hülle lag ton - und lautlos da, und wurde zur Erde
bestattet in Aachen; und Joseph und seine Brüder wandelten
stumm und dumpf zu seinem Grabe. Aus seinem Instrumente aber entrang
sich einer der wehmüthigsten und nationalsten Accorde, und
rang sich wie ein fliehender Engel weit fort durch die Lüfte
bis nach Polen in seine Heimath, und es sassen Joseph Gusikow's
Frau und seine Kinder einsam um ein spärliches Licht, und sie
gedachten des fernen Gatten, des wandernden Vaters, und sie beteten
einen Psalm für sein Leben und sein Wohl, - da floss ein Klang
her durch die Lüfte, weich und sanft und klagend, wie die Töne
des Vogels, der über das Nest seiner Jungen kreist; und eine
bekannte Melodie floss an ihr Ohr, und es tönte lange und anhaltend:
"Der Engel, der mich von allem Uebel erlöst
hat, segne diese Kinder!" (Genesis. 48.)
und der Ton verklang, und die Gattin und die Kinder
ahnten den Tod des Vaters, und sie rissen ihr Kleid auseinander,
und weinten lange und bitterlich, und beteten leise und sprachen:
"Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name
des Herrn sey gelobt!"
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