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Frankfurter Rundschau (19. Jul 2002)
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Konzentriert mit vier Schlegeln: Alex Jacobowitz spielt auf der Zeil (Bild: Luigi Ungarisch)
"Man darf die Menschen nicht überfordern"
Wie der Marimba-Spieler Alex Jacobowitz versucht, Flaneure und Shopper für die Monscheinsonate zu gewinnen
Von Florian Malzacher
Die Selbstbeschreibung vor dem ersten Treffen ist jedenfalls hilfreicher, als es jede Nelke im Knopfloch sein könnnte:"Ich bin traditioneller Jude; Sie werden mich erkennen." So steht er mit schwarzer Kippa und ebenso schwarzen Schläfenlocken vor Marks & Spencer. Und braucht noch einen Augenblick, wiel er mit seinem Handy zugange ist: Erst muss der Aktienhandel per WAP abgewickelt werden. Wie man es sonst nur aus der Werbung kennt. Ob Scherz oder Ernst - jedenfalls passt es zu Alex Jacobowitz. Denn Jacobowitz ist nicht nur ein begnadeter Straßenmusiker, genauer: Marimbaspieler, er ist auch ein gewiefter Geschäftsmann, Vielflieger und High-Tech-Kommunikator. Gerade hat ihn wieder jemand für ein Privatkonzert buchen, dann aber nicht genug zahlen wollen. "Der hat gedacht, er tut einem armen Straßenmusiker einen Gefallen." Manchmal werde er sogar zu einem warmen Süppchen eingeladen.
Dabei ist Jacbowitz Vollprofi: In New York geboren und aufgewachsen, studierte er Schlagzeug, wanderte nach Israel aus, wo er als Percussionist im Jerusalemer Symphoie-Orchester spielte. Doch bald schon hatte er keine Lust mehr, immer zu warten, "um dann einmal Pling auf der Triangel zu machen". Und er begann sich auf das Insturment zu konzentrieeren, das ihn noch immer am meisten fasziniert:Die Marimba, ein Holzxylophon, strukturiert wie ein Klavier, jedoch nur mit fünf statt sieben Oktaven. Ein Instrument, das ursprünglich (wenn auch in einer simpleren Form) aus Afrika stammt, im westlichen Kulturkreis noch immer weitgehend unbekannt ist und, wenn überhaput, dann im Weltmusik-Kontext auftaucht.
Jacobowitz aber will sein Instrument - eine drei Meter lange Konzertversion - aus dem Kontext der ethnischen Musik lösen un in die Tradition klassischer Musik überführen. Zwar spielt er auch Klezmer oder Flamenco zuweilen, aber sein anliegen gilt im Wesentlichen den Werken Bachs, Mzoarts oder Beethovens. Sein Repertoire ist breit, reicht vom Barock über die spanische Romantik bis hin zur Moderne. Aber auf der Straße spielt er vor allem die Schlager unter den Klassikern: Die vier Jahreszeiten, Die Mondscheinsonate, den Türkischen Marsch. Und das nicht, weil er statt zehn Fingern und Pedalen nur vier Schlegel hat - ein nicht unbeträchtliches Handicap, das er virtuos ausgleicht. Sondern weil er den Leuten einen Zugang ermöglichen möchte: "Die Menschen wollen etwas verstehen in dieser komplexen Welt, man darf sie nicht überfordern." Den Einwand, dass manche Musik so abgegriffen sein könnte, dass eine Neubelebung unmöglich ist, lässt er nicht gelten. Er sucht den Kontakt, die Begegnung, das Gespräch. Das ist auch der Grund, warum es für ihn "keinen besseren Spielort als die Straße gibt" - der Konzertsaal reizt ihn nur ab und an. Denn draußen erreicht er eine andere Form der Konzentration, die Unruhe der Umgebung stört ihn nicht. Und die Leute bleiben freiwillig, wollen hören, wollen verstehen. Und sie sind näher als in jedem Konzertsaal. "Es ist die menschliche Erfahrung, die ich leben will."
Nach Frankfurt -wo er stets vor Marks & Spencer sein Instrument aufbaut - kommt er oft und gern, nicht nur wegen der Hochhäuser, die immerhin eine Erinnerung an New York sind. "Wegen des kosheren Restaurants", meint er, nur halb im Scherz. Dass er hier eine intakte jüdische Gemeinde, eine Traditionslinie gibt, das ist him wichtig. Vielleicht wird er hier in diesem Jahr zu Chanukka ein Konzert geben.
Auch die Internationalität des Publikums bereitet ihm Freude - bis er weider weiter zieht, nach Leipzig zum Beispiel oder nach München, wo er seine Zweitwohnung hat, und wenn es anfängt kälter zu werden in den Süden, nach Italien vielleicht. Und schließlich - zum Überwintern, Schreiben und CDs Einspielen - wieder zu seiner Familie nach Israel.
Ein Kosmopolit, beruflich wie privat, einer, der Flugmeilen sammelt wie ein Manager und zugleich ein bisschen ausgefranst wirkt, wie sich das für einen Straßenmusiker gehört. Dass er es faustdick hinter den Ohren habe, schreib eine Zeitung. Er wisse gar nicht, was damit wohl gemeint sei - und greift sich schmunzelnd an die Schäfenlocken. Immerhin freut ihn, das er nicht so leicht einzusortieren ist, er spielt mit den Gegnsätzen, die er vereint. Und damit ja nicht allzuviel Gewissheit aufkommt, warnt er noch zum Schluss: "Glauben Sie bloß nicht alles, was Sie schreiben!"
(Infos über Konzertermine gibt es per Mail unter alex_jacobowitz@compuserve.com oder auf seiner Internetseite www.xylophone.com. Sein Buch "Ein" ist bei Tree of Life Productions erschienen und - wie auch seine CDs - im Fachhandel oder über die Internetseite erhältlich.) |
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